Motive im Wandel des Lichts - Eine Übung ohne Kamera

Ein Gastbeitrag von Adrian Ahlhaus

Gastbeitrag
Ein Gastbeitrag von Adrian Ahlhaus

Haben Sie einen strahlend blauen Himmel? Hängen dunkle Wolken tief? Oder wechseln Wolken in schneller Folge mit strahlender Sonne? Letzteres ist die Wetterlage bei mir vor der Haustür. Genau bei solchem Licht, dem schnellen Wechsel von Licht und Schatten, dabei lässt sich das Sehen von Motiven am leichtesten lernen. Es ist die absolute Grundlage. Denn im Klassenzimmer sitzend in einem Kurs entgeht Ihnen hierbei das Wesentliche: Verstehen was man tatsächlich sieht. Eigentlich beginnt das Fotografieren Lernen ohne Kamera. Doch genau das kann man in einem Kurs nicht so einfach. Denn überall haben Leute ihre Kamera dabei. Und diese hilft, man ist motiviert und konzentriert. Doch die Türe zur Fotografie geht eher nach innen auf. Wie das? Ohne jede Bewegung oder Anstrengung, bar der Technik und völlig entspannt. Gerade letzteres muss so mancher Zeitgenosse erst wieder lernen. Beginnen wir die erste Übung.

Sie brauchen eine Wetterlage mit Wolken aus dem Bilderbuch und etwas Wind. Für Ungeduldige etwas mehr Wind, damit das Licht schnell wechselt. Suchen Sie sich ein bequemes Plätzchen. Und vergessen Sie jede Ambition eine Kamera zur Hand zu nehmen. Betrachten Sie ein einzelnes Motiv: einen Baum oder Strauch, eine Blüte, vielleicht das Fahrrad an der Hauswand, eine Statue, einen Gartenzwerg oder sonstwas. Wie würden Sie den Ausschnitt setzen, wenn Sie eine Kamera zur Hand nehmen würden? Aber genau das tun Sie jetzt nicht. Und nun sehen Sie sich an, was das wechselnde Licht mit ihrem Motiv macht.

Als erstes, weil am leichtesten zu erkennen und zu beurteilen, sind die Schatten. Überdecken oder unterstreichen die Schatten die Konturen? Also, sind sie störend oder betonen diese die Form? Der technische Aspekte der Belichtung ist jetzt nebensächlich. Und wie sieht es mit dem großen Schatten aus? Demjenigen, den Ihr Motiv auf den Boden wirft, wenn die Sonne hinter den Wolken hervor kommt? Könnte der große Schatten ein Teil ihres Motivs sein? Damit entscheidet sich die zweite Frage auf dem Weg zum Foto. Hoch- oder Querformat? Die dritte Entscheidung steht an. Wie sehen die Lichter aus. Lichter, das sind die Glanzpunkte an Ihrem Motiv. Sind sie groß oder klein? Großflächige Lichter werden bei der Belichtung anders behandelt, belichtet, als kleine Lichter. Großflächige Lichter dürfen nicht „ausreißen“. Das heißt, zu keinen großen, papierweißen Flächen im Bild werden. Passiert es Ihnen trotzdem, dann eignet sich ein solches Foto nicht mehr zum größeren Format. Sind die Lichter nurmehr kleine Glanzpunkte, in der Fotografie nennt man solche „Spitzlichter“, werden die Verteilungen dieser Lichter besonders wichtig für die Bildgestaltung, denn sie sind sehr auffällig und bestimmen die Gestaltung. Zum Beispiel welcher Ausschnitt gewählt wird oder sogar ein anderer Standpunkt, was die Perspektive ändert.

Als viertes betrachten Sie aufmerksam die Alternative, das Licht der Sonne hinter den Wolken. Wäre es nicht doch die bessere Beleuchtung, denn nun sind die Farben gänzlich anders. Achten Sie darauf besonders aufmerksam, denn Farben bestimmen Ihr Bild, auch wenn es später eine schwarzweiße Vergrößerung geben soll, die letztlich auch von den Farbkontrasten lebt. Bei Wolken gibt es weniger Schatten. Starke Schatten dramatisieren jedes Motiv. Bei Wolken sind die Spitzlichter verringert oder ganz verschwunden. Störend gleichende Flecken stellen kein Problem dar. Es hat also auch Vorteile auf die direkte Sonne zu verzichten. Entsprechend des Wechsels von direkter Sonne und des durch Wolken gedämpften und gestreuten Lichts können Sie sich des Urteils über diese oder jene Lichtsituation gelassen vergewissern, denn die Gelegenheit oder auch der Zwang zum Bild fällt bei unserer ersten Übung weg. Und wenn es nun gar nicht ohne Kamera geht, dann - mein Gott -, dann machen Sie halt ein Foto.

Als letztes denken Sie an Ihre Kamera und die Technik. Bei wolkenbedecktem Himmel sind die Beleuchtungs-Kontraste relativ unproblematisch. Helle und dunkle Bereiche eines Ausschnitts liegen in den Lichtwerten, die in Blendenstufen zum Beispiel 6 oder 12 angegeben werden, enger beieinander. Eine Belichtungsautomatik kommt mit den Motiven bei bewölkten Himmel gut zurecht. Der Kontrast liegt dann eher bei 6 Blendenstufen oder ist kleiner. Offener Himmel, also direkte Sonne, hat schon mal Kontraste von über 12 Blendenstufen und ist gerade für Kameras mit kleinem Bildsensor ein Problem. Je kleiner ein Bildsensor, desto weniger Kontraste kann dieser aufnehmen. Das heißt, entweder sind die Schatten nur dunkel, sie bleiben ohne Differenzierung und werden schwarz, oder die Lichter reißen aus und bilden größere weiße Flächen auf dem Papier oder dem Bildschirm. Dann hilft eigentlich nur die Korrektur der Belichtung oder die Entscheidung sich auf weniger Details in einem Ausschnitt festzulegen. Sind sie nah dran, dann kann der Kamerablitz die zu dunklen Schatten aufhellen helfen.

Je kleiner das spätere Zielformat, um so eher verschwinden die zu dunklen oder zu hellen Stellen, weil diese kleiner bleibend nicht als so störend empfunden werden. Je größer ein schönes Bild auf Papier erscheinen soll, um so stärker tritt eine fehlerhafte Belichtung hervor. Sie sehen, es ist eigentlich ganz einfach, wenn man weiß worauf es zu achten gilt: Beim Blick in den Himmel wissen Sie, was Ihnen bevor steht, wenn eine Kamera zur Hand ist.

Gastbeiträge enthalten die Meinung des jeweiligen Autors und spiegeln nicht die Meinung von dkamera.de wieder.

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