Möglichst detailgenau?

Ein Gastbeitrag von Adrian Ahlhaus

Gastbeitrag

Den kleinen Digitalkameras wird von den Besitzern großer Kameramodelle gerne nachgesagt, dass die Qualität nicht wirklich ausreiche, um gute Bilder zu liefern. So, so. Um die „Qualität“ geht es also, wenn sich Leute eine Spiegelreflexkamera kaufen. Doch ein klitzekleines „aber“ habe ich dann doch...

Fast alle berühmten Bilder großer Fotografen und Fotografinnen, besonders die Fotos derjenigen aus der Zeit des schwarz-weißen Bildes, sind nach heutigen Maßstäben unscharf und schlecht belichtet, das heißt die Abstufung der Grauwerte ist nicht wirklich gut. Sind das nun alles Bilder, die man verwerfen sollte? Bilder von Imogen Cunningham, die frühen Bilder von Henry Cartier-Bresson, Lee Friedlander oder Cecil Beaton - einfach wegwerfen? Und das ist nur eine willkürliche Auswahl von Namen, die mir spontan einfallen, welche mit der Geschichte der Fotografie verbunden sind.

Man kann diese Liste auf fast jeden Fotoschaffenden beziehen. Alle waren weder an der maximalen Schärfe noch an der genauesten Wiedergabe der Details interessiert, sondern daran, möglichst exakt ihren Eindruck einer Szene wieder zu geben, um die Menschen über die Qualität des Knopflochs hinaus in ihren Eigenschaften im Bild einzufangen. Der Suche nach einer technischen Qualität im heutigen Maßstab haben sie nie entsprochen, und es wohl auch nicht gewollt, um im Bild zu erzählen, was es zu sehen gab.

Unbenommen könnte man mit einem Fotohandy ein weltberühmtes Bild schaffen. Es kommt nicht auf die technische Qualität eines Fotos an, sondern darauf, was man mit einem Foto erzählen kann, welche Geschichte sich den Betrachtern offenbart. Und fast alle Fotos, die uns interessieren, sind nicht die Bilder über tote Objekte, sondern es sind die Geschichten von Menschen, denen wir uns im Foto nahe fühlen, um mit ihnen vertraut werden zu können. Es ist die Phantasie hinter der sichtbaren Abbildung, die ein Foto wirklich interessant macht und damit zu einem Bild werden lässt.

Und das ist schwierig, denn dazu gehört, sich von den eigenen Gedanken frei machen zu können, nicht jenes zu fotografieren, das allein wir als Fotografierende in den Menschen sehen, sondern jenes, das man noch entdecken kann oder was andere darin sehen werden.

Nehmen wir ein Haustier als Beispiel, eine Katze. Diese liegt irgendwo lang ausgestreckt auf der Seite und sieht uns mit trägen Blick, halb schlafend an. Der Katzenfreund oder die -freundin wird nun entzückt sein von diesem Blick und der in dieser Pose einnehmenden Selbstsicherheit des geliebten Tieres. Ein fremder Blick entdeckt in dieser Szene ein träges Tier, das sich irgendwo hingelegt hat. Von der besonderen Nähe und Vertrautheit ist dem Fremden nichts ersichtlich. Wie auch, fehlt doch jedes Verständnis über die Regungen des Tieres und eines möglichen Verhaltens, dass gegenüber Fremden eher scheu, vorsichtig oder gar misstrauisch ist. Ein Foto der Katze, ausgestreckt liegend, bedeutet also gar nichts für unbeteiligte Personen. Und wenn der stolze Fotograf oder die Fotografin das Foto des geliebten Tieres herum zeigt mit dem Kommentar: „Sieht sie nicht niedlich aus“, dann wird man nicht widersprechen und sogar pflichtschuldig zustimmen. Hauptsache man muss nicht auch noch über das Foto reden.

Da mag die Katze auch noch so detailgetreu bis in die Fellspitzen abgebildet sein, mit Qualität hat eine solches Foto nichts so tun, selbst, wenn man es auf Fotopapier in 60x90 cm vergrößert hat. Ein solches Foto erzählt keine der Allgemeinheit verständliche Geschichte.

Qualität entsteht, wenn ein vertrautes Objekt neu gesehen werden kann. Oder wenn ein vertrautes Motiv, zum Beispiel ein Mensch, etwas über die nackte Abbildung hinaus von sich erzählt. Da kann eine hausfrauliche Tätigkeit dann ebenso spannend zu fotografieren sein, wie Sohnemann bei der Reinigung seines Aquariums oder der konzentrierte Blick der Tochter bei einer reiterischen Aufgabe. Das Reinigen eines Autos kann zur erzählenden Geschichte über die Verbundenheit von Mensch und Maschine werden. Das gemeinsame Fernsehen wird zum Bild über Freizeitgestaltung. Der Weg vom Bäcker, mit der Brötchentüte in der Hand, wird zum Bild über das morgendliche Lebensgefühl.

Aber auch unbekannte Motive haben ihren Reiz. Der liegt schon darin begründet, dass man anderen von diesem noch nicht gesehenen Motiv - zum Beispiel auf einer Urlaubsreise - zuhause in Bildern erzählen kann. Doch davon gibt es in der medialen Welt nur noch weniges, das nicht schon einmal zu sehen war. Darum gilt es vielfach, das vertraute neu darzustellen. Die hunderttausendste Blüte im Foto festzuhalten kann Botaniker faszinieren, für den Laien ist das nur eine weitere Pflanze. Doch die neue Umgebung, die andere Perspektive, das ungewöhnliche Licht - all das lässt die vertrauten Motive mehr als nur in „neuem Licht“ erscheinen. Eines der interessantesten Bilder aus einem meiner Seminare war die Aufnahme von ein paar Blüten aus der Höhe des Wiesengrases gegen den Himmel gesehen. Abgesehen von den technischen Problemen hat dieses Foto schon durch den ungewöhnlichen Blick von unten hinauf zu den Blüten viel Aufmerksamkeit erzeugt. Bei diesem Bild haben die Betrachter mehr und genauer hingesehen, als in jedem detailverliebten Foto, das sich an alle vieltausendfach gesehene Konvention hält.

All das sind Beispiele für Bilder mit Qualität, gleichgültig, mit welcher Kamera diese entstehen. Hauptsache ist, es gibt sie.

Gastbeiträge enthalten die Meinung des jeweiligen Autors und spiegeln nicht die Meinung von dkamera.de wieder.

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